Startseite » Presse » Ein Zauberer an der Orgel
Elmar Lehnen am 20. März 2005:
Von SABINE ZELLER
VIERSEN. “Zauberer an der Orgel” wurde der französische Organist und Komponist Felix Alexandre Guilmant (1837 – 1911) von Anhängern genannt. Gleiches ließe sich über Elmar Lehnen sagen, und doch wäre damit das Wesentliche nicht erfasst. Der Organist der Päpstlichen Marienbasilika in Kevelaer berührte die wenigen Zuschauer des zweiten Orgelabends in St. Remigius mit der seltenen Tugend Bescheidenheit.
In acht “improvierten symphonischen Skizzen” über Stationen des Kreuzwegs verbeugte Lehnen sich mit musikalischen Mitteln vor dem Kreuz, das besonders in der Karwoche, dem Mittelpunkt des liturgischen Jahres als Symbol für Leid und Hoffnung verehrt wird. Aber schon in Guilmants achter Sonate in A-Dur spielte Lehnen ohne jede Selbstdarstellung die musikalischen Strukturen des technisch anspruchsvollen spätromantischen Werkes heraus. Leichtigkeit und Nostalgie gab er gleichermaßen Gewicht. Bei der Registrierung bewahrte er durch den sparsamen Einsatz einzelner Klangfarben deren Wirkung. Durch diese Zurückhaltung gewann die Sonate und wurden die anschließenden Improvisationen auf dem schönen Instrument zu äußerst bewegenden Klangbildern. In ihnen zeigte sich Lehnen als tief in der Liturgie und ihrer Musik verwurzelter Organist, der nicht Bilder als Schau entwarf, sondern sein Können in den Dienst der Aussage stellte.
Ein unerbittlicher Marsch in den tiefen Registern führte in der zweiten Skizze Jesus dreimal zum Sturz unter dem Kreuz. Zweimal bäumte er sich in aufsteigenden Akkorden wieder hoch. Die Stille nach dem dritten Sturz war zum Verzweifeln. Und wie groß der Trost bei dem folgenden Bild (Veronika reicht Jesus das Schweißtuch), bei dem mit den Tönen des Glockenspiels Schweißperlen zu kostbaren Perlen wurden. Einzelne tiefe Pedaltöne ließ Lehnen in fast unerträglich hohes Tonflirren hämmern, ließ die Zuhörer spüren, wie einem anderen vor Schmerzen Hören und Sehen vergehen. Wie durch einen Schleier klang danach die Melodie des deutschen Stabat mater, die von Verzweiflung und Panik des Todes übertönt wurde, bevor im letzten Bild (Grablegung) die Hoffnung siegte. Der Karfreitagsruf “Im Kreuz ist Heil” wurde dreimal hintereinander in aufsteigender Tonhöhe wiederholt, wie das erlödende “Lumen Christi” in der Osternacht.
Rheinische Post vom 24. März 2005.
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