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Silvius von Kessel am 13. November 2005:
VIERSEN (zell) Im vorletzten Orgelkonzert in St. Remigius war den Hörern der angekündigte Höhepunkt “Grande piece symphonique” von Cesar Franck, vorenthalten worden. Der Erfurter Domorganist Silvius von Kessel füllte diese Lücke jetzt überreichlich mit der Symphonie Nr. 3 in d-Moll des “Kathedralenbauers” Anton Bruckner. Gemeint ist das Richard Wagner gewidmtete Orchesterwerk, das Bruckner 1875 in erster Fassung vollendete, aber 1878 und 1890 in Überarbeitungen nachdrucken ließ. Von Kessel spielte keine notierte Transkription, sondern direkt aus der endgültigen Partitur.
Seine Liebe zu Bruckners Symphonik und die Lust des Organisten, seine Möglichkeiten und die des Instruments über das Bekannte hinaus auszuloten treffen sich in diesem ungewöhnlichen Unterfangen. Das klingende Ergebnis in den Konzerten, die von Kessel mit der Symphonie Nr. 3 gestaltet, ist jeweils ein Fenter, das ein Stadium dieses Prozesses zeigt. Ein “gleichsam frei nachgezeichnetes al-fresco-Gemälde für die Orgel” nennt er es. Man kann sich fragen, ob eine solche Aneignung sinnvoll ist. Der natürliche Atem, der federnde Schwung und das Legato des Orchesters fehlen dabei ebenso wie die verschachtelte Komplexität in Rhythmik und Stimmführung.
Organisten ließ von Kessel das Herz höher schlagen durch eine verblüffende Nachahmung der Farbigkeit in ungewohnten Registerkombinmationen und einen beeindruckenden Umgang mit den dynamischen Möglichkeiten des Instruments. Im zweiten und vierten Satz etwa gelang ihm die Charakterisierung des geheimnisvollen Brucknerschen piano und des vollen, weichen, trotzdem entrückten Klangs tiefer Streicher oder Holzbläser. Ebenso fand er strahlende Forteklänge für das Blech. Trotz Schwächen wie Spannungseinbrüchen im ersten Satz (die auch Folge der schwierigen Umstände des Registrierens an der rein mechanischen Woehl-Orgel waren) und im ersten Teil des dritten (wo zu hohes Tempo die Elemente versprengte) blieb der Gesamteindruck, dass von Kessel das Wesen der einzelnen Sätze in seine Nachschöpfung getroffen hatte. Anton Bruckner, gefeierte Orgelvirtuose, hätte vielleicht seine Freude dran gehabt.
Rheinische Post vom 16. November 2005.
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